Reine Kopfsache

Bombenattentate, Terroranschläge wie in Brüssel oder im November 2015 in Paris, Schießereien oder Raubüberfälle aber auch Brände und schwere Unfälle wir lesen täglich davon, sehen die Bilder und Videos letzten Endes aber ist es doch so unendlich weit weg. Diese Dinge passieren „da draußen“, sie kommen nur in den Medien vor und in der Welt außerhalb unserer vermeintlich behaglichen Komfortzone. Diese Dinge sind nicht Teil unserer Realität und unseres Lebens. Wollen wir deswegen unsere Lebensqualität einschränken? Wollen wir über so unangenehme Dinge wie Verletzungen, Invalidität oder sogar den eigenen Tod nachdenken? Man kann doch eh nichts daran ändern wenn „es“ geschieht? Warum also sollten wir uns damit beschäftigen? Ich werde im Folgenden versuchen die Frage zu beantworten mit der Schilderung eines Vorfalls den ich in Silvesternacht 2015/2016 erlebt habe.

Mit großer Freude fahre ich einen großen amerikanischen Geländewagen, so auch gegen acht Uhr abends in der Nacht des 31. Dezember 2015. Um die feiernden Menschen und das Feuerwerk hören zu können ist das Fenster der Fahrerseite halb unten. Ich fahre mit rund 40 Kilometern pro Stunde durch eine breite Straße, in der Mitte die Gleise für die Tram und an den Seiten zahlreiche Bars und Cafés. Ich höre das gelegentliche krachen der Böller, sehe die aufsteigenden Raketen, ich nehme all die vertrauten Geräusche einer Silvesternacht wahr und freue mich auf die kommende Party.  Auch auf den Bürgersteigen sind die Menschen auf dem Weg zu Ihrer Silvesterparty, an einer Haltestelle warten sie auf die nächste Tram und ab und an zünden kleine Gruppen vor der Haustür ihr Feuerwerk. Um in der Systematik von Jeff Coopers Color Code zu sprechen, ich befand ich mich mental ganz in der gelben Zone. Mein Hauptaugenmerk war, darauf zu achten, dass mir niemand vor mein Auto läuft.

Ich sehe zu einer ca. 30 Meter links vor mir liegenden Haltestelle, will sicherzustellen, dass von den rund 12 Wartenden keiner plötzlich vor mir auf die Straße tritt. Plötzlich, und ohne mein bewusstes Zutun, veränderte sich mein mentaler Zustand von „gelb“ auf „rot“. Mein Instinkt signalisiert mir Gefahr, ein Stoß läuft durch meine Gliedmaßen und die Zeit scheint langsamer zu vergehen. Es ist ein, entwicklungsgeschichtlich, sehr alter Teil meines Gehirns der jetzt die Kontrolle übernimmt, den Körper mit Adrenalin flutet und alle Sinne schärft um den Körper für Flucht oder Kampf vorzubereiten.

Was ist passiert? Eher unbewusst nehme ich etwas wahr. Es ist etwas Bekanntes. Etwas das ich wohl schon zehntausende wenn nicht hundert-tausendmal gesehen und selbst getan habe. Im rechten Augenwinkel sehe ich eine Person plötzlich eine Kurzwaffe aus dem Hosenbund ziehen und in Anschlag gehen.

Jetzt erst drehe ich den Kopf und sehe bewusst die rund 50 Meter entfernte Gruppe von drei jungen, arabisch oder türkisch aussehenden Männern. Ich fokussiere den einen und erkenne, dass er mit seiner Kurzwaffe auf die Wartenden an der Haltestelle zielt. Im selben Augenblick gibt er drei schnelle Schüsse ab gefolgt von einem laut geschrienem „Allahu Akbar“ gefolgt von einer weiteren Anzahl Schüsse in schneller Folge.

Mein erster Gedanke ist: „Scheiße ich habe keine Waffe dabei, weil ich meine Waffen nicht führen darf“. Viel zu lange beschäftigt mich dieser für diesen Moment völlig irrelevante Gedanke.

Wieviel Zeit habe ich dadurch verloren? Eine Sekunde? Sogar zwei, oder noch mehr? Ich orientiere mich, mache mir ein Bild der Lage, drei türkisch- arabisch aussehende Männer, einer mit einer Kurzwaffe auf unbewaffnete wartende Menschen schießend, ich in meinem Auto sitzend rund 45 Meter entfernt. Im Anschluss gehe ich automatisch meine Optionen durch, meine Schusswaffen habe ich nicht verfügbar, meine anderen Selbstverteidigungsmittel kann ich auf diese Entfernung nicht einsetzen, ein Anruf bei der Polizei dauert viel zu lange und ich fahre gerade in einem 2 Tonnen schweren Geländewagen.

Nun treffe ich eine Entscheidung. Ich trete das Gaspedal voll durch und steuere auf die Gruppe zu. Ich bin vom Schützen noch 40 Meter entfernt und noch immer wird geschossen.

Kein Kraftfahrzeug ist in der Lage verzugslos, zu beschleunigen, der Motor muss ansprechen, das Getriebe schaltet in einen niedrigeren Gang und die Kraft muss auf die Straße übertragen werden, all dies kostet Zeit. Diese Zeit nutze ich ganz automatisch und schaue mich um, versuche mir einen Überblick zu verschaffen und sehe dabei zur Gruppe der Wartenden auf die geschossen worden war. Ich bin noch 30 Meter vom Schützen entfernt. Keiner der an der Haltestelle Wartenden bricht zusammen, niemand schreit oder läuft weg. Auch kann ich keine Einschläge sehen oder sonstige Hinweise auf abgefeuerte Munition. Es bleibt auch bei einem Schützen, ich kann keine weiteren Waffen in der Gruppe der drei erkennen.

In mein Bewusstsein tritt der Gedanke, dass es sich um eine Gas- oder Schreckschusswaffe gehandelt haben muss. Ich bin noch 20 Meter vom Schützen entfernt. Ein weitere Blick zur Gruppe mit dem Schützen und ich sehen sie lachen und die Kurzwaffe herunternehmen – verschossen. Ich nehme den Fuß vom Gas, bremse stark und verändere leicht die Richtung in die ich fahre. Kurz darauf passiere ich die Gruppe. Keiner der drei hat mich überhaupt bemerkt. Im Rückspiegel sehe ich die Wartenden an der Haltestelle. Sie stehen noch genauso da wie zuvor, schauen in Richtung der drei Männer und vielleicht schütteln ein zwei die Köpfe über diesen gefährlichen Unsinn. Keine weitere Reaktion!

Obwohl die Zeit scheinbar zäh und langsam verging scheint all dies gleichzeitig passiert zu sein. Es ist das Adrenalin welches dem Bewusstsein diesen Streich spielt. Der gesamte Vorfall hat vom Wahrnehmen des Ziehvorgangs der Kurzwaffe bis zum Abbremsen meines Autos nur ca. 5-6 Sekunden gedauert. Die Beobachtung der Situation, die Auswertung der Lage als auch die Entscheidungsfindung und das Handeln liefen vollkommen flüssig und unbewusst, nur durch meinen Hirnstamm gesteuert ab.

Sowohl die Aufmerksamkeit für die Umgebung als auch die konsequente Anwendung des OODA* Loops hat in der finalen Betrachtung für einen optimalen Ausgang dieses Vorfalls gesorgt. Alle getroffenen Entscheidungen sind folgerichtig und in der Konsequenz als erfolgreich zu bewerten.

Was nun hat dies mit dem Eingang des Textes zu tun? Die einzige Reaktion der wartenden Personen an der Haltestelle war in Richtung der Schüsse zu blicken. Keine Flucht, kein Anzeichen die auf eine Vorbereitung zum Kampf, zur Verteidigung hindeuteten. Und das nur wenige Wochen nachdem in Paris 130 Menschen unter lauten „Allahu Akbar“ Geschrei abgeschlachtet worden sind? Hat denn keiner der Wartenden daran gedacht oder waren alle schlicht paralysiert? Ich bin kein Psychologe und kann nur Vermutungen anstellen.

Der Hauptgrund wird wohl sein, dass keiner der Wartenden sich vorstellen konnte, und kann, dass jemals auf ihn geschossen werden würde. Schon gar nicht in ihrem Kiez oder gar noch an Silvester auf dem Weg zu einer Party, zu Spaß und Freunden. Keiner der Wartenden hatte sich je mit einer solchen Situation auseinandergesetzt oder hat sich dahingehend ausbilden lassen. Durch all das war das  Unterbewusstsein, welches in solchen Situationen automatisch die Kontrolle übernehmen sollte, nicht in der Lage zu handeln. Es hat die Gefahr nicht erkannt oder es fehlten schlicht die nötigen Erfahrungen und Handlungsoptionen.

Es ist die Einstellung oder die Geisteshaltung die den Unterschied macht wie wir in kritischen Situationen reagieren. Egal welcher Natur diese kritische Situation auch sein mag. Es kann sich um einen Verkehrsunfall handeln, einen Wohnungsbrand oder auch einen Attentäter. Wichtiger als jede Waffe, oder ganz allgemein, wichtiger als die Werkzeuge sind die Einstellungen und die erlernten Fähigkeiten die auch unter Stress abrufbar sind. Was nutzt die Waffe im Holster oder der Verbandkasten im Kofferraum wenn ich nie gelernt habe damit auch unter Stress zu arbeiten? Das bedeutet natürlich nicht in den Anstrengungen für den privaten Waffenbesitz nachzulassen. Vielmehr ist es eine parallel Betrachtung, abseits der Hardware hin zur geistigen Einstellung.

Es geht nicht darum paranoid jeden Augenblick die Gefahr zu erwarten. Aber auch nicht darum alle Risiken auszublenden und zu ignorieren. Vielmehr darum sich Risiken und mögliche Gefahren bewusst zu machen und im eigenen vernünftigen Rahmen darauf vorzubereiten. Genau darum besuchen wir Erste-Hilfe Kurse und führen Feueralarme durch. Also werdet aktiv denn wann immer Du in einer lebensbedrohlichen Situation denkst „jetzt müsste irgendwer doch etwas tun“ dann ist es Zeit das gerade DU etwas tust!

Stefan Schwarz

*im militärischen Bereich entstandenes Informationsstrategiekonzept, von John Boyd als Entscheidungsschleife definiert

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5 Gedanken zu “Reine Kopfsache

  1. Soo toll finde ich den Artikel nicht – zeigt er doch zwei Probleme ziemlich deutlich auf: Waere der Autor in der geschilderten Situation “naeher dran” gewesen, waere er dem vermeintlichen Schuetzen moeglicherweise nicht nur in die “Parade” gefahren…
    Und weiterhin moechte ich mir gar nicht ausmalen, was passiert waere, haette der Autor eine Schusswaffe dabei gehabt. Wilde Schiesserei in Innenstadt – 9mm gegen Schreckschuss??
    Ich bin jahrelang beim damaligen Bundesgrenzschutz gewesen und habe dort auch diverse “Reaktionen” eingeuebt und trainiert. Nach dem Ausscheiden aus dem BGS hat es mich viel Zeit gekostet, diese wieder “abzutrainieren”. – Weil die Erfahrung mich lehrte, dass diese “Reaktionen” eben fuer die Zivilgesellschaft nicht geeignet sind oder Situationen unnoetig eskalieren. Natuerlich “leidet” darunter die “Wehrhaftigkeit”, doch zugunsten der unmittelbaren Umgebung. Wir leben nun mal nicht im wilden Westen, wo jeder jederzeit mit einem bewaffneten Ueberfall von Banditen oder Cowboys rechnen muss.
    Will damit sagen (schreiben), dass das Fuehren bzw. der Einsatz von Waffen eben nicht auf “instinkthaft schnelle Reaktion” reduziert werden darf und meiner Meinung nach auch schon lange nicht mehr muss. Wehrhaftigkeit auf der einen Seite erfordert auch immer eine objektive Analyse der Situation auf der anderen Seite – das heisst: Ueberblick verschaffen – Lage analysieren – dann erst Massnahmen ergreifen.
    Geht das nicht, nehme ich lieber “Kolateralschaeden” in Kauf als eine Ueberreaktion.

    Gruss
    Hannes

    1. Wer Schusswaffen führen will muss auch hinreichend handlungssicher sein. Dazu gehören unabdingbar auch verschiedene Handlunsabfolgen die sicher beherrscht werden müssen.
      Daher hab ich bis Heute nicht zum Sportschießen gefunden, weil ich bei der Schussabgabe immer noch Deckung suche…

      Sowohl was Lagebeurteilung als auch Folgemaßnahmen angeht, ist ein Mindstüberblick unabdingbar.

      Wozu eigentlich mehr Trainingsaufwand derforderlich ist, als die meisten bereit sind zu leisten, ums mal provokativ zu formulieren.

  2. ad Hannes:
    soll das heißen:völlig wehr-und -hilflos zu sein ist am sichersten, nur nicht aufpassen,denken und handeln-also
    zu- bzw wegschauen und keine Verantwortung übernehmen zu wollen als allgemeine Tugend der heutigen
    Gesellschaft ? Wird schon nichts passieren- wo bleibt die Polizei usw.-Vogelstrauß als Grundhaltung , die offensichtlich auch von “Oben” gewünscht ist. Verbrauche, ev. noch konsumiere, aber als selbstbewußter Bürger störst du !

    Selbverständlich hat man sich im Rahmen der Situation zu orientieren- das hat aber auch der Schreckschußschießer zu beachten und für allfälllige Folgen geradezustehen.

  3. ad Uhuru:

    So war das natuerlich auch nicht gemeint – ich selbst wurde vor einigen Jahren bei einer eindeutigen Hilfeleistung niedergestochen und haette damals mit einer Schusswaffe nicht mein Leben riskiert. Ich plaediere daher aus eigener Erfahrung auch eher fuer ein liberales Waffenrecht.
    Aber, wie Peter in seiner Antwort schon formulierte, es gehoert eben auch eine Menge Uebung und die Faehigkeit, Situationen richtig einzuschaetzen, dazu. Das jedoch hat der “normale Sportschuetze” nicht zwangslaeufig aufzuweisen. Gerade der Bereich “Nothilfe” ist extrem problematisch, wenn man in die Situation selbst nicht eingebunden ist.

    Zur Selbstverteidigung oder in eindeutigeren Situationen halte ich den “angemessenen” Waffengebrauch schon fuer absolut sinnvoll. Im oben geschilderten Fall waere das Fahrzeug sicher einer Waffe gleichzustellen – wenngleich es bei Einsatz einer scharfen Waffe durch den Araber oder Tuerken vielleicht nicht ausgereicht haette.
    Egal wie – Zivilcourage ist staerker gefordert. Die Moeglichkeit einer effektiven Selbstverteidigung muss dem Buerger in die Hand gegeben werden – auch keine Frage. Fuer den rechtmaessigen Einsatz ist der Buerger selbst verantwortlich.
    Im oben geschilderten Fall hat Peter die tatsaechliche Situation ja auch rechtzeitig erkannt und entsprechend gehandelt.

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