#Selbstschutz: Rezension A. Micheli „Home defense“

"Home defense" Buchrücken

“Home defense” Buchrücken

Eine Rezension von Claudia Bommer.

Die Menschen in Deutschland machen sich immer häufiger Gedanken zum Thema Selbstschutz. Da auch die Wohnungseinbrüche in den vergangenen fünf Jahren um ein Drittel gestiegen und bei ca. 20% der Einbrüche die Bewohner sogar zuhause sind, nimmt das Thema „Heimverteidigung“ (home defense) eine immer wichtigere Rolle ein. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass uns neulich die Wohnungsnachbarn mitteilten, dass Sie über die Anwesenheit unseres Hundes sehr froh sind, denn ein wachsamer Hund ist einer der Faktoren, die Einbrecher davon abhalten können, sich die eigene Bleibe auszusuchen.

Auch weitere Möglichkeiten, die eigenen vier Wände für Einbrecher unattraktiv zu machen, legt Andrea Micheli in seinem jüngst erschienenen Buch „Home Defense“, das von K-ISOM herausgebracht wurde, dar.

Der Autor ist ein ehemaliger Sicherheitsspezialist der Schweizer Armee und ein international anerkannter Schießausbilder, der bei den verschiedensten namhaften amerikanischen Schießinstruktoren trainiert hat. A. Micheli hat bereits das Buch „Die Pistole im Feuerkampf – Grundlagen für den erfolgreichen Einsatz der Kurzwaffe im Verteidigungsfall“ verfasst.

Das erklärt erstens, warum der einführende Teil „Rechtsgrundlagen“ sich auf das Schweizer Recht bezieht und zweitens der Fokus dieses Buches auf der Verteidigung mit Schusswaffen liegt. In den USA gibt es dutzende Bücher zum Thema Heimverteidigung, in Deutschland klafft seit Siegfried F. Hübners Werk „Heimverteidigung – Mit allen Mitteln“, das 1984 erschienen und heutzutage nicht einmal mehr antiquarisch zu haben ist, eine große Lücke zu diesem Thema.

Diese Lücke für den deutschsprachigen Raum zu schließen schickt sich Andrea Micheli nun an. Denn die Empfehlungen aus amerikanischen Büchern lassen sich nicht 1:1 auf Europa übertragen – zu unterschiedlich sind die rechtlichen Grundlagen.

Nach den einleitenden Kapiteln „die mentale Komponente“ und „Präventivmaßnahmen und materielle Vorbereitung“ geht es in den folgenden Kapiteln vornehmlich um Schusswaffen: Die Wahl von Waffen und Munition, die Waffenhandhabung und das taktische Vorgehen mit der Waffe. Erst die letzten zwei Kapitel „Erste-Hilfe-Maßnahmen“ und „After-Action-Protokoll“ nehmen den Fokus wieder von den Schusswaffen weg. Das knapp 190 Seiten umfassende Buch ist reich bebildert, um sowohl die Waffenhandhabung als auch das taktische Vorgehen anschaulich zu machen.

Wer beruflich oder aus sonstigen Gründen im taktischen Schusswaffengebrauch ausgebildet wurde, dem mögen die Kapitel „Grundlagen des Schießens“ „Waffenhandhabung“ oder Bereitschafts- und Schiesspositionen“ vielleicht etwas langatmig erscheinen. Man sollte sich dann aber vergegenwärtigen, dass der durchschnittliche Sportschütze mit diesen Bereitschaftspositionen oder dem taktischen Nachladen bislang eher nicht in Berührung gekommen ist. Da dieser aber wohl die avisierte Zielgruppe ist, hat der Autor sich auf das Wesentliche beschränkt. Teilweise hätte er meiner Meinung nach noch mehr weglassen können. In einer Extremsituation ist ohnehin nur ein Bruchteil des Wissens abrufbar und es ist wichtig, Vorgehensweisen zu lehren, die möglichst breit gefächert angewendet werden können. Man vergleiche es mit Kampfsport: Der jahrzehntelang trainierende Meister mag 100 verschiedene Schläge und Tritte drauf haben und im Notfall anwenden können, dem weniger Trainierten helfen wenige Schläge und Tritte, die er sicher ausführen kann, mehr.

Das Buch bietet eine gute Einführung, um sich mit dem Thema „Heimverteidigung“ auseinander zu setzen, gerade auch die Ausführungen zu Absuchtechniken in geschlossenen Räumen bieten sehr gute Ratschläge.

Dennoch kann ich nur empfehlen, wer sich wirklich etwas tiefer mit der Materie auseinander setzen möchte, bei den diversen Anbietern taktischer Schießkurse, die es auch in Deutschland gibt, einen Kurs zu belegen, wo diese im Buch beschriebenen Grundlagen in der Praxis geübt werden können. Denn wer würde es als ausreichend betrachten, Krav Maga nur aus einem Buch zu lernen? Die je nach Kurs 200 – x Euro sind sicher besser investiert als sich noch ein weiteres Anbauteil für die Home Defense- Waffe zuzulegen.

Manch Sportschütze kann bei so einem Kurs durchaus auch noch seine Schießfertigkeiten verbessern, die ihm dann in Wettkämpfen zugute kommen.

Aber auch wer sich nicht zuhause mit einer Schusswaffe verteidigen will oder kann, dem bietet dieses Buch dennoch genug, was er beherzigen sollte. Sich beispielsweise die Absuchtechniken nur in der Theorie durchzulesen, ist eine Sache; Sinnvoller ist es, die Techniken und Erkenntnisse auch auf das Eigenheim zu übertragen und praktisch an den verschiedenen Möglichkeiten, wie ein Einbrecher hinein gelangen könnte, durch zu spielen und zu üben, wie eine Evakuierung oder das Absuchen ablaufen könnte. Wer dann noch die Familie einbezieht, diese instruiert und Codes für den Notfall vereinbart, der wird im Falle eines Einbruchs nicht gänzlich unvorbereitet sein.

Andrea Micheli: „Home Defense“. K-ISOM, Nürnberg, 2016.

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6 Gedanken zu “#Selbstschutz: Rezension A. Micheli „Home defense“

  1. Die Idee mit den Kursen als Alternative ist zwar gut, aber dank unserer Gesetzgebung dürfte es für die meisten Sportschützen wohl verboten sein, im Inland solch einen Kurs zu belegen… Oder haben Sie konkrete Hinweise auf Kurse, welche für jedermann buchbar sind?

  2. Habe mir auch das Buch gekauft und finde es sehr gut gelungen, mal ganz abgesehen davon, daß es der einzige aktuelle, brauchbare deutsche Titel zu diesem Thema ist.
    Da sogenannte Combat- oder Verteidigungsschießen-Kurse in Deutschland für Zivilisiten verboten sind, bleibt einem nur der Weg ins Ausland. Weil mir dies aber zu teuer und aufwändig ist, bleibt mir nur solch ein Buch als Hilfmittel zum Selbststudium zu nutzen.
    KravMaga bzw. KAPAP ist übrigens eine sehr wirkungsvolle Ergänzung, da hier auch ein sehr großes Spektrum der Abwehr von Angriffen mit verschiedensten Waffen aber auch Kampf mit Waffen behandelt wird.

  3. Man muss hier schon unterscheiden. Ich habe nicht von Combat-Schießkursen geschrieben sondern von “taktischen Schießkursen”. Diese werden hier in Deutschland so abgehalten, dass sie im Rahmen des rechtlich Möglichen liegen (manchmal liegen sie vielleicht auch in der Grauzone…). Allerdings lehne ich es ab, hier Werbung zu machen. Wer so einen Kurs sucht, wird bei Google fündig. Und wenn die Kurse im Ausland statt finden, dann muss es nicht gleich in die USA gehen. Manche deutschen Anbieter gehen auch nach Polen oder Österreich, das ist u.U. nicht zu weit weg vom eigenen Wohnort.

    1. Vielen Dank für die Klarstellung. Wußte nicht, daß es da noch eine Differenzierung gibt.
      Das Problem ist ja auch sobald man irgendwo nach sowas fragt, ob direkt oder in Foren o.ä., bekommen alle immer gleich Angst und wollen mit so “schießwütigen Typen” nix zu tun haben, da “sowas alles verboten ist”.

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